Der Bien

Der Geist des Bienenstockes

Wo befindet sich dieser Geist des Bienenstockes und wo hat er seinen Sitz? Er ist nicht wie der individuelle Instinkt des Vogel, der sein Nest mit Geschicklichkeit baut und andere Himmelsstriche aufsuchen weiß, wenn der Tag des Wanderns wieder angebrochen ist. Er ist ebenso wenig eine mechanische Gewohnheit der Gattung, die nur vom blinden Lebenswillen beseelt ist und sich an allen Ecken des Zufalls stößt, sobald ein unvorhergesehener Umstand die Abfolge der gewohnten Erscheinungen durchbricht. Im Gegenteil, er folgt Schritt für Schritt den allmächtigen Umständen, wie ein kluger und geschickter Sklave, der auch die gefährlichsten Befehle seines Herrn sich zum Vorteil zu wenden weiß.

Er verfügt ohne Rücksicht, aber gewissenhaft, als wäre ihm eine große Pflicht auferlegt, über Wohlstand und Glück, Leben und Freiheit dieses geflügelten Völkchens. Er bestimmt Tag für Tag die Zahl der Geburten und zwar genau nach der Blumenzahl, die auf den Fluren blüht. Er sagt der Königin, dass sie verbraucht ist oder dass sie ausschwärmen muss, er zwingt sie, ihren Nebenbuhlerinnen das Leben zu geben, erhebt diese zu Königinnen und veranlasst oder verhindert, dass die erstgeborene unter den jungfräulichen Prinzessinnen ihre jüngere Schwester in der Wiege tötet.

Oder auch bei verrückter Jahreszeit, wenn die Blumenstunden kürzer werden, gebietet er den Arbeiterinnen, die ganze königliche Brut zu vernichten, damit die Ära der Umwälzung ein Ende hat und fruchtbringende Arbeit wieder aufgenommen wird. Er ist ein Geist der Vorsicht und Sparsamkeit, aber nicht des Geizes.

Er weiß anscheinend um die verhängnisvollen und etwas vernunftwidrigen Naturgesetze der Liebe, und duldet darum in den reichen Sommertagen, in denen die junge Königin ihren Liebhaber suchen geht, das Vorhandensein drei- oder vierhundert törichten, ungeschickten, bei aller Geschäftigkeit nur hinderlichen, anspruchsvollen, schamlos müßigen, lärmenden, gefräßigen, groben, unsauberen, unersättlichen und ungeschlachten Drohnen.

Aber sobald die Königin befruchtet ist, die Blumen ihre Kelche später öffnen und früher schließen, ordnet er eines Tages gelassen an, dass sie alle miteinander ermordet werden.

Er regelt die Arbeit jeder Biene und bestimmt den Ablauf des Bienenjahres.

– aus Das Leben der Bienen von Maurice Maeterlinck 1901


Was ist der Bien?

Was ist es, das die Menschen schon seit uralten Zeiten an den Bienen fasziniert? Die Biene gilt als fleißiges Tier und Fleiß war seit jeher eine Tugend, die man als lobenswert erachtete. Doch andere Tiere sind nicht minder fleißig. Das ganze Jahr über wird gebaut und gesammelt; der Nachwuchs will versorgt und auf den nächsten Winter will vorbereitet sein. Die Biene arbeitet jedoch nicht alleine, sondern in einem „Staat“ mit tausenden anderen Individuen und jedes dieser Individuen übernimmt eine bestimmte Aufgabe.

Die frisch geschlüpfte Arbeiterin tritt sofort den Putzdienst an, welchen sie für die ersten drei Tage ausführt. Vom vierten bis zehnten Tag kümmert sie sich um die Brut, worauf acht Tage Baudienst und schließlich drei Tage Wachdienst folgen, bis es dann endlich als Sammelbiene in die große weite Welt um den Stock herum geht.[1] Die Königin wiederum ist dafür zuständig die Population im Volk aufrecht zu erhalten und die Drohnen, die männlichen Bienen, sorgen für deren Begattung während des Jungfernflugs.

Mit all diesen Abläufen gleicht das Bienenvolk einer gut geölten Maschine, in der jedes Zahnrädchen seinen Platz hat, oder besser: Das Bienenvolk gleicht einem einzigen Wesen. Zu dieser Erkenntnis kam man konkret das erste Mal im 19. Jahrhundert. „Man“ heißt in diesem Fall Johannes Mehring (1815-1878), einer der vielen Wegbereiter der modernen oder rationellen Imkerei. Er sprach von der „Organisation des Biens“[2] und sah den Stock als einen ganzen Organismus an. Von „Organismus“ oder besser „Superorganismus“ sprach dann schließlich der Verhaltensbiologe William Morton Wheeler (1865-1937), der anhand von Ameisen, Bienen und anderen sozialen Insekten die Thesen unterstrich, die von Mehring und Anderen vertreten wurden.[3] Auch im 21. Jahrhundert sprechen die führenden Bienenforscher von einem „Säugetier in vielen Körpern“. Einer dieser Forscher ist Prof. Jürgen Tautz, der ebenso dem Wabenwerk eine entscheidende Bedeutung innerhalb dieses Organismus gibt.[4]

Das also ist der Bien.

Allein das Phänomen des Einwesens scheint noch nicht die gesamte Faszination an diesen Tieren zu erklären. Bienen sprach man schon seit jeher etwas Übernatürliches zu, von einem Geist, der dem Volk innewohnt oder auch einer Göttlichkeit der Biene. Selbst der anerkannte amerikanische Biologe Robert E. Page betitelte sein Buch über die selbstregulierende Organisation des Bienenvolks „The Spirit of the Hive: The Mechanisms of Social Evolution“, zu Deutsch: „Der Geist des Bienenstocks: Die Mechanismen sozialer Entwicklung“.  Es mag daher nicht verwundern, dass Bienen zu allen Zeiten und in vielen Kulturen als quasi heilige Wesenheiten galten, seien es Ägypter, Römer oder die Menschen im antiken China.[5] Nicht zu vergessen ist dabei die zentrale Rolle der Biene in der katholischen Kirche. Als Hauptwachslieferant wäre eine Altarbeleuchtung kaum möglich gewesen und ohne Biene gäbe es auch keinen Honig im gelobten Land, in dem Milch und Honig fließen. Klöster besaßen oftmals mehrere Bienenstöcke, um ein gewisses Maß an Wachsversorgung zu gewährleisten[6] und schaut man sich den immensen Wachsverbrauch der Schloss- und Stiftskirche in Wittenberg an, die in vorreformatorischer Zeit jährlich über 17 Tonnen Wachs benötigte, ist diese Maßnahme mehr als verständlich.[7] Eine ähnliche Stellung hat die Biene in Judentum und Islam. Im Koran findet sich Sure 16, die nach der Biene benannt ist.[8]

Neben biologischer und spiritueller Faszination des Bienenvolkes bleibt noch ein weiterer Aspekt, der zu berücksichtigen ist: die Biene als staatenbildendes Insekt. Wenn man eine Faszination für etwas verspürt ist es nicht selten, dass man versucht dies auf das alltägliche Leben zu übertragen und von der Biene als Vorbild für Staat und Gesellschaft wurde in der Geschichte immenser Gebrauch gemacht. Man denke allein an das monarchische Modell, das einem wohl zuerst in den Kopf kommt, wenn man sich mit dem Bienenstaat befasst. Man war sich lange Zeit nicht darüber bewusst, dass den Bienen kein König, sondern eine Königin vorsaß, die die „Staatsgeschäfte“ führte. (Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass „Königin“ ein Traditionsbegriff ist und nichts mit der tatsächlichen Funktion dieser zu tun hat.) Im Zuge des Englischen Bürgerkriegs sprach man dann bald von einem „Commonwealth of Bees“, das von Samuel Hartlib (1600-1662) beschworen wurde, oder John Dayes „The Parliament of Bees“, einer politischen Allegorie über die Taten „guter und böser Männer“. Aufklärung und Französische Revolution beschworen daraufhin eine Republik der Bienen, indem bspw. der französische Autor Jean Baptiste Simon das Verhalten der Bienen als republikanische Tugenden auslegte. Das 19. und 20. Jahrhundert sah daraufhin eine ganze Reihe von Publikationen, die den Bienenstaat mal in kommunistischer, mal in faschistischer oder ganz anderer Weise sahen.[9] Einen vorläufigen Schlussstein setzt der amerikanische Biologe und Bienenforscher Thomas D. Seeley mit seinem im September 2010 erschienenen Buch „Honeybee Democracy“ (seit 2014 in deutscher Übersetzung). Darin beschreibt er das Verhalten der Bienen bei der Entscheidungsfindung, wobei sie miteinander kommunizieren, ja sogar diskutieren sollen, um zu einem Konsens zu kommen.

All das ist also das „Einwesen“ Bienenstock oder „Bien“ genannt. All das und noch mehr macht die Faszination der Menschen an den Bienen aus.

ML


[1] Spürgin: Die Honigbiene. S. 54

[2] Mehring: Das neue Einwesensystem als Grundlage zur Bienenzucht. S. 9

[3] Tautz: Phänomen Honigbiene. S. 4

[4] Ebd. S. 3, 155-201

[5] Ransome: The Sacred Bee in Ancient Times and Folklore. London 1937

[6] Schrott: Mönche, Bienen, Bücher. St. Ottilien 2011

[7] ENZ 14, S. 474

[8] https://www.deutschlandfunk.de/sure-16-verse-68-69-ueber-die-bienen-100.html

[9] Wilson: The Hive, S. 106-139