250 Jahre Oberlausitzer Bienengesellschaft

Ursprünglich veröffentlicht am 31.01.17

Der trifft den rechten Zweck, der Lust und Nutz verbindet:
Auf diesen Satz ist auch der Bienenbau gegründet.[1]

Das neue Jahr bringt ein Jubiläum für unseren Verein, während das alte Jahr unbemerkt ein noch größeres Jubiläum verpasst hat. Im Jahre 1766 gründete sich die physikalisch-ökonomische Bienengesellschaft in der Oberlausitz. Sie war die erste Vereinigung modernen Typs, die sich ausschließlich mit dem Thema Bienenbiologie (physikalisch) und Bienenhaltung (ökonomisch) beschäftigte. Sie bestand bis mindestens 1824 und akquirierte mit der Zeit über 300 Mitglieder.

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Sie entstand im Rahmen einer Gründungswelle von ökonomisch-physikalischen Gesellschaften in den 1760er Jahren, die sich vornehmlich mit Themen zur Verbesserung der Landwirtschaft und deren praktischer Umsetzung befassten. Die Praxis war auch einer der Kernpunkte, der diese Gesellschaften von der vorangegangenen Akademiebewegung unterschied, obgleich große Ähnlichkeiten bestanden. Die Spezialisierung auf die Bienenhaltung war daher ein nicht zu unterschätzendes Alleinstellungsmerkmal, welches die Bemühungen der Sozietät gleichfalls mit kurzfristig eintretenden Erfolgen honorierte, die sich bei vielen anderen ökonomisch-physikalischen Gesellschaften – wenn überhaupt – eher langfristig zeigten.

Ziel war es neues Wissen über die Bienenhaltung zu sammeln und zu schaffen, um dieses dann einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Zielgruppe war auch die damalige Landbevölkerung, weshalb die Bemühungen in den Rahmen der Volksaufklärung Ende des 18. Jahrhunderts fallen. In den Abhandlungen und Erfahrungen wurden neue Erkenntnisse vorgestellt und diskutiert. Der Gründer und Sekretär der Bienengesellschaft, Adam Gottlob Schirach, unterhielt im Namen der Gesellschaft ein europaweites Korrespondenznetz, das sich u.a. nach Dänemark, England, Frankreich, Italien, Russland, die Schweiz und Portugal erstreckte.

Diskutiert wurden beispielsweise das Geschlecht der Drohnen sowie das der Arbeiterinnen, die noch die großen Bienenforscher des 17. und 18. Jahrhunderts, Swammerdam und Réaumur, für geschlechtslos hielten. Auch das zu dieser Zeit entdeckte Ablegermachen wurde in diesem Rahmen diskutiert. Durch die Netzwerke der Gesellschaft wurden gleichwohl die Bienenlehrbücher der Mitglieder populär. Als bedeutendstes Mitglied ist ohne Zweifel der Sekretär und Gründer der Gesellschaft zu nennen.

Adam Gottlob Schirach ist in der Welt der Imker fast vollständig in Vergessenheit geraten, obwohl sein Beitrag zur Bienenhaltung einer der Wichtigsten der letzten Jahrhunderte ist. Er entdeckte, dass ein weiselloses Volk, welches noch frische Brut besitzt, sich eine Königin nachzieht und nutzte dieses Wissen zur künstlichen Vermehrung von Bienenstöcken. Damit wurden die Bienenväter der Zeit zum einen unabhängig vom Schwarmtrieb der Bienen und andererseits setzte diese Entdeckung den Grundstein zur Züchtung von Bienenvölkern mit besonderen Merkmalen (obschon dieser Möglichkeit damals praktisch keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde). Sein Werk über das Ablegermachen wurde zunächst ins Französische und von dort ins Italienische übersetzt. Da Französisch als Sprache der Wissenschaft weit verbreitet war, fanden die Erkenntnisse Schirachs schließlich Eingang in die Betriebsweisen anderer europäischer Länder.

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Schirach schrieb weitere Werke und versuchte durch eine Kooperation der Bienengesellschaft mit der Leipziger ökonomischen Gesellschaft seine Erkenntnisse für einfache Bauern zugängliche zu machen, indem er ein kurzes Traktat verfasste, welches kostenlos unter den ärmeren Schichten verteilt wurde.[2] Generell war er ein Feind jeglicher Geheimniskrämerei und bemängelte diese negative Eigenschaft unter den Bienenvätern der Zeit. Die Bienengesellschaft sollte sich daher den freien Austausch des Wissens zum Grundsatz machen. Ein weiterer Verdienst Schirachs war es das Wissen der oberlausitzisch-sorbischen Zeidler zu sammeln und dieses zu veröffentlichen.[3] Die darin enthaltene Schautafel über die Tätigkeit der Zeidler ist heute noch vielen Imkern bekannt.

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Die Bedeutung der oberlausitzischen Bienengesellschaft sollte keinesfalls über- aber gleichwohl nicht unterschätzt werden. Sie diente als Forum vieler versierter Bienenhalter der Zeit, die Ideen und Erkenntnisse austauschten, und verbreitete so europaweit das generierte Wissen. Ihre Tätigkeit setzte eine Gründungswelle von weiteren Bienengesellschaften in Gang, wie sie sich bspw. in Franken, der Kurpfalz oder Bayern gründeten. Die Gesellschaft unterhielt zudem einen Bienengarten, der aus heutiger Sicht als Lehrbienenstand verstanden werden könnte. Dorthin schickten viele Fürsten der Zeit ihre Untertanen hin, um sie in den neuesten Erkenntnissen der Bienenhaltung unterrichtet zu wissen.

Europaweit scheint dies eine einzigartige Gesellschaftsform gewesen zu sein, mit Ausnahme der von 1799 bis 1809 existierenden Western Apiarian Society in England, die jedoch nicht die Breitenwirkung wie ihr sächsisches Pendant entfalten konnte. Zum jetzigen Zeitpunkt kann vermutet werden, dass die Gründung der oberlausitzischen Bienengesellschaft eine Welle imkerlichen Enthusiasmus auslöste, was sich unter anderem in der Publikation von Lehrbüchern ausdrückte. Von 1500 bis 1759 wurden lediglich 16 Werke in deutscher Sprache publiziert, während es in England 18 waren. Von 1760 bis 1845 (Erscheinen der Nördlinger Bienenzeitung) hingegen wurden etwa 146 deutschsprachige und 42 englischsprachige Lehrbücher veröffentlicht. Von den 146 deutschsprachigen Publikationen wurden etwa ein Drittel von Mitgliedern der Bienengesellschaften veröffentlicht. Es kann demnach vermutet werden, dass die oberlausitzische Bienengesellschaft als Katalysator für apidologisches Wissen diente und somit zumindest für die deutschsprachigen Gebiete die „Sattelzeit der Bienenhaltung“ einleitete.

ML

Dieser Text entstand im Rahmen einer Abschlussarbeit zu den deutschen Bienengesellschaften und englischen Apiarian Societies am Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Landesgeschichte der Universität des Saarlandes.

[1] Abhandlungen und Erfahrungen 1766, S. 11.

[2] Schirach, Adam Gottlob, Der Sächsische Bienenmeister, oder Kurze Anweisung für den Landmann zur Bienenzucht. Nebst beygefügtem Oekonomischen Bienencalender. Leipzig 1769.

[3] Schirach, Adam Gottlob/Vogel, Johann George, Adam Gottlob Schirachs Wald-Bienenzucht, nach ihren großen Vortheilen, leichten Anlegung und Abwartung, mit Kupfern herausgegeben und mit einer Vorrede, nebst des Herrn Verfassers Lebensbeschreibung begleitet von Johann George Vogel. Breßlau 1774.

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